Das Medizinstudium an der Privatuniversität Witten/Herdecke sei minderwertig. So titelte die Presse im Laufe der letzten Woche. (
N-TV)
Nur wenigen, denen das nicht ein schadenfrohes Lächeln entlockte. Schadenfreude, das ausgerechnet einer Privatuni und ihrem illustren Kreis von wohlhabenden Studenten auf diese Weise die lange Nase gezeigt wird, nachdem Medizinstudenten durch den hohen Numerus Clausus ohnehin schon priviligiert sind. So das wenigstens der Eindruck bestehen bleiben kann, auch Kinder eines Bergmannes und einer Putzfrau hätten auch nur den Hauch einer Chance ein Medizinstudium - erfolgreich - zu beginnen und abzuschliessen.
Doch während die Presse nur die vernichtende Meldung verteilte und nur wenig oder gar nicht auf die Punkte einging, die das Studium an der Privatuni angeblich minderwertig werden lassen, hat diese Geschichte, wie alle, auch eine zweite Seite.
Das der Uni angeschlossene Krankenhaus Witten/Herdecke besitzt nämlich einen ganz ausgezeichneten Ruf, auch über den direkten Einzugsbereich hinaus und weist eine ausserordentlich hohe Erfolgsquote auf.
Kann unter solchen Umständen die Ausbildung der Studenten wirklich derart miserabel sein wie der Wissenschaftsrat moniert?
Die Realität des Medizinstudiums ist Pauken, Pauken, Pauken. Über das Pensum des schlicht Auswendigzulernenden gibt es landauf, landab eine Menge Witze, ebenso über den Mangel an Praxiserfahrung der Medizinstudenten. Die Versuche dem gegenzusteuern fallen seit Jahrzehnten mehr schlecht als recht aus und so sind es die Studenten selbst auch immer wieder, die nach mehr Praxis, mehr Arbeit am Patienten rufen. Und das noch bevor sie den Status AIP (Arzt im Praktikum) erreichen.
Witten/Herdecke hatte dies mit seinem Studium Fundamentale nun weitgehend umgedreht. Der Patient stand im Mittelpunkt. Anhand von realen Fallbeispielen, echten Schicksalen wurde das nötige Wissen aufgebaut um die Patienten zu behandelt. Nicht isoliert eine Krankheit zu sehen ohne je den Patienten dahinter.
Die
Zeit schrieb:
In gewisser Hinsicht wird Witten/Herdecke ein Opfer des eigenen Erfolgs. Denn das dort praktizierte »problemorientierte Lernen« galt vor Jahren als vorbildlich, 2003 wurde es in die Approbationsordnung für Ärzte aufgenommen. Nur wurde amtlicherseits festgelegt, dass diese Lernform mehr Personal benötige. Weil die Professorendichte in Witten/Herdecke aber dünner ist als anderswo, fällt auch die Forschungsbilanz mau aus. So weit stimmt die Kritik des Wissenschaftsrats.
Nur: Ob die Wittener Absolventen am Ende tatsächlich schlechter sind als andere, steht nirgendwo in der Evaluation. Vielleicht sind die Ärzte aus Witten/Herdecke sogar besser, weil sie weniger zynisch, dafür menschlicher sind? Vielleicht bereichern sie die Krankenhäuser, weil sie nicht aus falsch verstandenem Gehorsam vor dem Chef katzbuckeln?
Solche Fragen stellt der Wissenschaftsrat nicht. Ihm geht es um die pure Wissenschaft, nicht um Patienten. So monieren die Gutachter, die Hochschule räume der Krankenversorgung vor Lehre und Forschung den Vorrang ein. Unter diesen Bedingungen könne eine qualitätsvolle Lehre nicht gedeihen. Das allerdings wäre zu beweisen.
(c) DIE ZEIT 21.07.2005 Nr.30
Die Frage die sich nun stellt: Ist das Studium in Witten/Herdecke wirklich schlecht, oder wird ihm lediglich zum Verhängnis, das es nicht nach dem akzeptierten Schema F durchgeführt wird.
Ein Schema F das uns allen irgendwann zum Verhängnis wird, denn die medizinische Versorgung in diesem Land ist schlecht und wird weiter schlechter.
Die wahren Verlierer, egal welche der Seiten nun recht behält, sind wie immer die Patienten.
via
ScipLog