Ich bin Sozialarbeiterin.
Wenn ich auf einer Party bin und danach gefragt werde, was ich denn so mache, ziehe ich vorsichtshalber schon die Schultern hoch. Gleich passiert es wieder.
Ich sage: “Sozialarbeiterin“, und spüre prompt das erste Zurückweichen. Wenn dann sogar noch die höfliche Nachfrage kommt, was ich denn genau mache; und wenn ich dann erzähle, dass ich zu psychisch kranken Leuten nachhause gehe und ihnen helfe, mit ihrem Leben und ihrer Krankheit besser klar zu kommen, spätestens dann ist es so weit. Dann kommt’s wieder:
„Oh Gott, das könnt ich ja nie.“
Der Satz ist nicht lang, und so sehr viele Variationen gibt es nicht davon. Ich kenne alle.
Egal, wo ich gearbeitet habe, ob mit geistig Behinderten, mit Körperbehinderten, mit Alten, mit Kranken, oder wie jetzt mit psychisch Kranken, es ist immer der gleiche Satz gewesen.
Und ich habe ihn satt.
Hallo? Kann das mal jemand zur Kenntnis nehmen? Ich liebe meinen Beruf. Ich mache das verdammt gerne. Ich habe mehr Spaß auf der Arbeit als viele Leute in ihrem gesamten Privatleben.
Klar ist das anspruchsvoll. Es ist definitiv was für Abenteurertypen. Und wie für jedes echte Abenteuer ist es verdammt nötig, sich auszukennen und Wissen und Fähigkeiten zu erwerben, damit man nicht gnadenlos abstürzt.
Seien wir doch mal ehrlich: Überall auf der Welt, wo ich hinkommen könnte, war Neckermann auch schon. Oder Reinhold Messmer, oder irgendjemand sonst. Die Welt ist doch im Grunde in alle Himmelsrichtungen abgelatscht. Wo soll da das Abenteuer sein?
Ich und meine Kollegen aber, wir gehen genau zu den Orten, vor denen alle, ohne Ausnahme, Angst haben. Wir brechen die Tabus unserer Zeit. Wir gehen ganz nahe ran, wir sind mitten drin, und wir spüren, wie es sich anfühlt. Armut, Alter, Krankheit, Behinderung, Wahnsinn, Tod. All diese Dinge, von denen die Arbeitslosenbeschimpfer immer denken, das trifft nur die anderen.
Na und, was soll das bringen? Könnte man fragen. Was soll man dann an diesen düsteren Orten?
Vielleicht muss man eine existenzialistische Ader haben, um da hin zu wollen. An diesen Orten findet man nämlich heraus, worum es im Leben wirklich geht. Für mich ist das zutiefst bewegend; und ich möchte gerne bewegt werden von dem, was ich tue und was ich sehe. Ich möchte vom Leben berührt werden, bevor es vorbeigezogen ist.
Am meisten lernt man dabei über sich selber. Aber man fängt auch sonst an, Fragen zu stellen. Das bleibt gar nicht aus.
Man sieht diese Gesellschaft nämlich aus einer anderen Perspektive. Von unten, von den Verlierern aus. Wir wissen ganz genau, wo diese Gemeinschaft versagt. Wir kennen ihre Bruchstellen und ihre ganze brutale Härte. Das ist ausgesprochen lehrreich.
Ich glaube, Sozialarbeiter ist ein Beruf für Leute, die die Fragen mehr lieben als die Antworten.
Der Wahnsinn zum Beispiel ist eines der ganz großen Rätsel. Es gibt haufenweise Vermutungen, aber wenn die Ärzte ehrlich sind, geben sie zu, dass sie nicht wissen, woher der Wahnsinn kommt und wie er entsteht. Sie wissen auch nicht wirklich, was man dann machen kann, wenn er da ist.
Jedes mal, wenn ich einen neuen Klienten kennen lerne, ist das, als ob ich Amerika ganz von vorne entdecke. Das ist doch großartig, oder? Wer sonst hat das schon.
Das Problem ist nur, dass kein Mensch eine Vorstellung davon hat, was
Sozialarbeiter eigentlich tun. Außer den Sozialarbeitern selber natürlich, und diejenigen, die schon mal einen in Anspruch genommen haben. Ich finde, das muss jetzt endlich mal erzählt werden, wenigstens ein bisschen davon. Wenn ich auf den Partys schon nicht erzählen darf.
Wenn ich meine Erfahrungen hier unter einem anonymen Nickname berichte, dann geschieht das nicht aus Feigheit, oder weil ich nicht zu dem stehen könnte, was ich schreibe. Es hängt vielmehr damit zusammen, dass ich ganz zu Recht unter Schweigepflicht stehe, ähnlich wie Ärzte oder Rechtsanwälte. Meine Klienten haben ein Recht darauf, dass ihre Privatsphäre gewahrt wird, und dass die Dinge, die sie mir vertraulich mitteilen, danach nicht in alle Welt ausposaunt werden. Ich bitte deswegen alle darum, diese Anonymität zu respektieren.
P.S.: Zu dem Thema, was Ärzte alles nicht wissen, gibt es übrigens ein wunderbares Buch von
Asmus Finzen: “Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?“ (Edition Das Narrenschiff, Psychiatrieverlag)
Friday, March 31. 2006 at 12:45 (Link) (Reply)
Dein erster Beitrag liesst sich schon mal klasse und weckt das Interesse auf mehr.
Friday, March 31. 2006 at 19:34 (Reply)
Gruß von Brangaene
Tuesday, April 4. 2006 at 20:35 (Reply)
Ich bin schon sehr gespannt auf deine Berichte. Vor allem, da ich selber im Krankenhaus merke, wie schwer es teilweise ist, mit Menschen umzugehen, die psychische Störungen haben. Deine Beschreibung, dass deine Arbeit eine Art Entdeckung "Amerikas ganz von vorne" ist, finde ich da sehr passend.
Auf viele interessante Artikel!
Wednesday, May 24. 2006 at 18:57 (Link) (Reply)
ich habe gerade diesen Artikel gelesen und finde ihn richtig klasse. Ich bin selber Sozialarbeiter im Anfangsstadium und ich kenne diesen Satz auch
Ich trage auch keine Latschen und keinen bunten Wollpullover
Ich hab mir Sozialarbeiter immer anders vorgestellt
Ich finds noch raus