Man bricht nicht bei anderen Leuten die Wohnungstür auf. Das macht man nicht. Dafür gibt es ganz klare Regeln.
Wenn jemand eine fremde Tür aufbricht, dann ist er entweder ein Einbrecher, oder er arbeitet bei der Feuerwehr.
Deswegen brechen wir Sozialarbeiter auch keine Türen auf. Aber wir sind vor Ort und kennen unsere Klienten. Wenn wir denken, dass Gefahr im Verzug ist, müssen wir die ganze Kette in Gang setzen, die manchmal damit endet, dass eine Tür aufgebrochen wird. Das ist nicht schön, und es kommt Gott sei Dank nicht allzu häufig vor.
Wenn eine Tür aufgebrochen wird, ist das immer ein spektakuläres und dramatisches Ereignis, für alle Beteiligten.
Und nachher hat man das Problem, wer die Tür repariert.
Wenn unsere Klienten in einer schlimmen Krise sind, versuchen wir deswegen beharrlich, Kontakt aufzunehmen, so lange, bis derjenige doch noch die Tür öffnet. Meistens schaffen wir es auch. Wir schaffen es auch oft, ihn zu überreden, freiwillig in die Klinik zu gehen, bevor es ganz schlimm wird. Aber nicht immer.
Manchmal ist es ganz schön schwierig für uns, das abzuwägen. Wenn wir zu schnell in Panik geraten, und die Tür ungerechtfertigt aufgebrochen wird, kriegen wir ganz schön Ärger mit unseren Klienten. Ist ja auch klar.
Wenn wir zu lange warten, kann es zu spät sein, und der Klient liegt vielleicht tot in der Wohnung.
Den richtigen Moment zu erwischen, ist also ein verdammt kniffliges Problem.
Wenn dann dabei noch Pannen passieren. Dann wird’s bunt.
Ich erinnere mich noch, wie ich einmal ganz frisch aus dem Urlaub kam, und mein Kollege Klaus in der Dienstbesprechung eine solche Geschichte zum Besten gab.
Seine Klientin Frau Schräg war in der letzten Zeit zunehmend psychotisch geworden und hatte den Kontakt verweigert. Klaus hatte es trotzdem geschafft, einmal durch die geschlossene Wohnungstür mit ihr zu sprechen. Frau Schräg erzählte dabei, sie sei sicher, dass ihr Trinkwasser vergiftet sei. Einkaufen war sie wohl auch schon seit Wochen nicht mehr gewesen. Die anderen Dinge, die sie erzählte, machten nicht einmal für Klaus einen Sinn, und der kennt Frau Schräg schon ganz lange.
Da wurde Klaus mulmig. Er hatte Angst, dass Frau Schräg nichts mehr trinkt, wegen dem Gift. Verhungern dauert lange, aber Verdursten geht ziemlich schnell.
Klaus rief den Sozialpsychiatrischen Dienst an.
Die rückten ein paar Mal zum Hausbesuch an, mit Arzt, und versuchten, mit Frau Schräg in Kontakt zu kommen, um zu klären, wie groß die Gefahr wirklich ist. Es meldete sich nie jemand in der Wohnung. Da riefen sie die Polizei und die Feuerwehr und ließen die Tür aufbrechen.
Klaus war gar nicht dabei.
„Na, und, wie ging es dann aus?“ Fragten wir in der Dienstbesprechung. Klaus ließ seinen Seehundschnurrbart hängen und schaute betont unschuldig aus der Wäsche.
„Es hat nicht so wirklich was gebracht“ Sagte er. „Die haben nämlich die falsche Tür aufgebrochen. Das war die Nachbarwohnung.“
Noch Stunden später wogten an diesem Tag Wellen von hysterischem Gelächter durchs Büro. Es brauchte nur irgendeiner eine Andeutung zu machen, schon lagen wir wieder alle am Boden.
Frau Schräg ist übrigens nichts passiert. Sie wurde einige Tage später in hilflosem Zustand von der Polizei aufgegriffen und in die Klinik gebracht. Dort erholte sie sich nach einigen Wochen wieder.